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  VOM LEBEN MIT DER ENDLICHKEIT

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PARKIPRAXIS
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PARKISINN
Märchenhaftes Leben
Von der Endlichkeit  Frauengespräche
Kurzfassung für Nichtleser:
Warum für mich ohne den Tod ein genussvolles Leben nicht möglich ist

 

Text für Lesefreudige:

Kann mir mal bitte ein Mensch verraten, warum ich als morbide bezeichnet werde, wenn ich behaupte, dass zu einem bewussten und lustvollen Leben auch gehört, dass man den Tod nicht als einen Betriebsunfall der Medizin sondern als wichtigen Bestandteil des Lebens betrachtet? In der Regel werde ich endgültig mit großen, an meinem Verstand zweifelnden Augen angeschaut, wenn ich diese Behauptung mit der Erklärung kröne, dass die Zeit des Abschiednehmens von meinem sterbenden Großvater zu den intensivsten und schönsten Momenten in meinem Leben zählt.

Mein Großvater hatte sich eines schönen Tages nach dem Mittagessen ins Bett gelegt und seinen Nachfahren mitgeteilt, dass er nun lange genug gelebt habe und er würde jetzt sterben. Anfangs wehrten wir ab „Geh Opa spinn nicht!“. Sein offener Umgang mit dem Thema „Sterben“ machte uns zunächst hilf- und sprachlos. Aber dann siegte doch die Einsicht, dass es die Entmündigung eines erwachsenen Menschen wäre, wenn wir ihm das von ihm gesuchte Gespräch verweigern.

Es hatte Würde, wie er von Kissen gestützt,  mit jedem seiner zahlreichen Nachkommen noch ein letztes Gespräch führte. Ich höre noch heute seine brüchiges, schwäbisch-nuscheliges „Weißt Mädle, wenn ich meine Kinder gesagt habe, was sie machen sollen, dann haben sie es doch ganz anders gemacht als ich gewollt habe und trotzdem ist aus allen was ordentliches geworden. Also mach ich mir um keines von meine Enkel Sorgen. Ihr werdet auch alles anders machen des eure Eltern gewollt hätten, aber ihr werdet jedes euren Weg machen. Und Mädle, lass dir von mir gesagt sein, deine Großmutter hat ihrem Vater auch nicht immer gefolgt und des war trotzdem nicht falsch. Also mach du auch des, was du für richtig hältst. Dann wird es sicher das Richtige. Du hast erst was falsch gemacht, wenn alle dich loben.“ Aber diese letzten Tage waren keineswegs nur von würdevollem Abschiednehmen geprägt. Mein Großvater begutachtete durchaus noch kritisch und nur schwäbisch-karg lobend das Aussehen seiner Enkeltöchter, forderte die einem sterbenden Mann zustehenden Erholungspausen ein oder hinterfragte die noch verbesserungsbedürftigen frischerworbenen Fahrkünste seines Lieblingsenkels. Ja er gönnte sich selbst so knapp vor seinem Tod noch neue, lustvolle Erfahrungen. Als ich ihm seinen Frühstückstee brachte, schaute er das Getränk missbilligend an. „Mädle, ich lieg im sterben und werde nie wieder autofahren. Ich hab mein ganzes Leben noch nie morgens im Bett an Schwips gehabt. Nimm den Tee mit und bring mir eine Flasche Sekt – aber eine gute und kein Piccolo.“ Zehn Tage nachdem er sich entschieden hatte, dass es jetzt Zeit wäre zu gehen ist er im Beisein einiger seiner Kinder und Enkel friedlich und lächelnd verstorben.

Von meinen Großeltern war er der Einzige, mit dem wir es geschafft hatten uns auf ein solch intensives Gespräch über das Leben, das Sterben und den Tod einzulassen. Vielleicht auch nur deshalb, weil er so klar mit uns die Aussprache über dieses so oft verdrängte und tabuisierte Thema gesucht hatte. Und die Auswirkungen dieses anderen Umganges mit dem Thema „Sterben“ spüren wir in unserer Familie noch heute. Von allen vier Großeltern ist er derjenige,  der am lebendigsten in unserem Alltag geblieben ist.  Noch heute, mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod, vergeht kaum ein Tag an dem nicht in irgendeinem Satz „Opa“ erwähnt wird, meistens, wenn sich irgendetwas ereignet, was ihm Freude gemacht hätte. Aber auch über seine Eigenheiten wird noch gefrotzelt.

Ich gebe gerne zu, bis zu diesem Ereignis hatte ich den Tod auch lieber verdrängt und wenn irgendwo doch mal ein Gedanke an meine eigene Endlichkeit aufflackerte, so wurde der schnell zur Seite geschoben, in der Hoffnung, dass ich mich eines fernen Tages völlig unvorbereitet und von jetzt auf nachher aus dem prallen Leben verabschieden würde. Gut mein Großvater war ein tiefgläubiger Mann und von daher war er überzeugt, dass er nach seinem Ableben endlich seine schon längst verstorbene Ehefrau wiedersehen würde. Diese Überzeugung erleichterte es ihm sicher, dem Tod lächelnd und bejahend die Hand zu reichen. In dem er seine ganze Familie in sein sehr bewusstes Sterben miteinbezogen hat, hat mein Großvater mir ein letztes und wunderbares Geschenk gemacht. Wenn ich heute an unsere letzten gemeinsamen Tage denke, sehe ich einen alten Mann, der mit Würde und Humor das Leben loslässt. Diese Erfahrung wäre mir verwehrt geblieben, wenn ich mich nicht auf das Gespräch mit meinem Großvater über den Tod und das Sterben hätte eingelassen,

Natürlich ist es leichter, einen Menschen gehen zu lassen, der auf ein erfülltes langes Leben zurückschaut und von dem man weiß, dass er zutiefst davon überzeugt ist, dass eine neue wunderbare  Erfahrung vor ihm liegt.  Viel schwerer ist es sich auf ein Gespräch über das Sterben mit einem Menschen einzulassen der Angst hat, der verzweifelt ist oder der sein Leben gerade erst begonnen hat. Aber wenn wir auf solche Ängste mit einem „Mach dir keine Sorgen, des wir schon wieder“ reagieren, helfen wir da wirklich jemanden? Ich hege den Verdacht, dass das in erster Linie eine sehr eigennützige Reaktion ist,  denn der Tod eines geliebten Menschen bedeutet ja je nach religiöser Überzeugung von ihm für sehr lange Zeit oder für immer Abschied nehmen zu müssen. Für diejenigen die bleiben, bedeutet der Tod auch immer eine einschneidende Veränderung. Ich denke vielen Menschen, die Gespräche über die Endlichkeit des Lebens abwehren, ist gar nicht bewusst, dass dies nicht aus wohlmeinender Fürsorge für den Gehenden geschieht, sondern dass es im Grunde genommen ein Davonlaufen vor den eigenen Ängsten ist.

Es ist eine Entmündigung, wenn ich einem Menschen, der das Gespräch sucht, dieses Gespräch verweigere. Ich denke, wenn jemand mit mir über seine eigene Endlichkeit reden will, dann öffnet er mir damit vertrauensvoll eine Tür in sein Inneres und wenn ich die Schwelle nicht überschreite, so wird mir vieles verborgen bleiben, was mein Gegenüber mit mir hat teilen wollen. Außerdem bürde ich ihm unter Umständen noch eine unnötige Last auf. Ein Mensch, den ich liebe möchte gehen und ich lasse ihn nicht los, weil ich Angst vor einem Leben ohne ihn habe – ist das fair? Es ist wie beim kaukasischen Kreidekreis, wer wirklich liebt, muss auch loslassen können.

Aber indem ich zulasse, dass die Endlichkeit des Seins ein Teil des Lebens wird und Themen wie Tod und Sterben nicht zum Tabu erkläre, gewinne ich nicht nur eine tiefere Vertrautheit mit den Gedanken und dem Sein meines Gegenübers, sondern die ganze Lebenswirklichkeit verschiebt sich und bekommt eine neue Tiefe.  Ist es nicht unendlich viel schöner, ich lasse jemanden die Freiheit zu gehen und er bleibt trotzdem bei mir?  Und indem ich mir selbst klar mache, dass ich nicht sicher sein kann, ob es ein morgen gibt, schütze ich mich selbst davor meine Gegenwart zugunsten der erträumten Zukunft zu vertrödeln. Ich lebe nahezu automatisch viel stärker in der Gegenwart, ohne deshalb meine Zukunft und meine Träume aufzugeben. 

Einige Jahre nach dem Tod meines Großvaters erhielt eine meiner Bekannten vom Schicksal zu ihrem dreißigsten Geburtstag die Diagnose „Brustkrebs“. Ohne Vorbehalte redeten wir zwei damals über ihre schlechte Prognose und ihre Todesängste und wurden darüber zu engen Freundinnen. Heute, fast zwanzig Jahre später findet sie, dass das Leben für sie seitdem sehr viel genussvoller geworden sei. Sie würde die Blumen intensiver riechen, die Küsse ihres Freundes bewusster genießen und die Sonne in ihrem Gesicht stärker spüren als in ihrer Vorkrebsära. Sie habe mit ihrer Todesangst und ihrer Brust als Preis ein sehr bewusstes und genussvolles Leben erkauft. Nach ihrer Meinung, war dies ein für sie selbst sehr günstiger Handel mit dem Schicksal.

Und aus all diesen Gründen gehört für mich zu einem bewussten lustvollen Leben, dass ich mich täglich auf die Endlichkeit meines Lebens besinne. Jeden morgen beim Zähneputzen blinzele ich meinem Spiegelbild zu und sage zu mir: „Mädle, denk dran, dies könnte dein letzter Tag sein. Also genieße die schönen Momente und nimm die schlechten Begebenheiten nicht wichtiger als sie es tatsächlich sind.“  Und danach lebe ich den Tag und genieße was er mir bringt, von der Tasse Kaffee im Licht der aufgehenden Sonne, über ein fremdes Lächeln auf der Straße bis zu den quälend-kuscheligen Berührungen des Mannes, in dessen Armen ich einschlafe.  

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Copyright by Birgitta Baur Stand vom 10.04.2008