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Kann mir mal bitte
ein Mensch verraten, warum ich als morbide bezeichnet werde, wenn ich
behaupte, dass zu einem bewussten und lustvollen Leben auch gehört, dass
man den Tod nicht als einen Betriebsunfall der Medizin sondern als
wichtigen Bestandteil des Lebens betrachtet? In der Regel werde ich endgültig
mit großen, an meinem Verstand zweifelnden Augen angeschaut, wenn ich
diese Behauptung mit der Erklärung kröne, dass die Zeit des
Abschiednehmens von meinem sterbenden Großvater zu den intensivsten und
schönsten Momenten in meinem Leben zählt.
Mein Großvater
hatte sich eines schönen Tages nach dem Mittagessen ins Bett gelegt und
seinen Nachfahren mitgeteilt, dass er nun lange genug gelebt habe und er würde
jetzt sterben. Anfangs wehrten wir ab „Geh Opa spinn nicht!“. Sein
offener Umgang mit dem Thema „Sterben“ machte uns zunächst hilf- und
sprachlos. Aber dann siegte doch die Einsicht, dass es die Entmündigung
eines erwachsenen Menschen wäre, wenn wir ihm das von ihm gesuchte Gespräch
verweigern.
Es hatte Würde,
wie er von Kissen gestützt, mit
jedem seiner zahlreichen Nachkommen noch ein letztes Gespräch führte.
Ich höre noch heute seine brüchiges, schwäbisch-nuscheliges „Weißt Mädle,
wenn ich meine Kinder gesagt habe, was sie machen sollen, dann haben sie
es doch ganz anders gemacht als ich gewollt habe und trotzdem ist aus
allen was ordentliches geworden. Also mach ich mir um keines von meine
Enkel Sorgen. Ihr werdet auch alles anders machen des eure Eltern gewollt
hätten, aber ihr werdet jedes euren Weg machen. Und Mädle, lass dir von
mir gesagt sein, deine Großmutter hat ihrem Vater auch nicht immer
gefolgt und des war trotzdem nicht falsch. Also mach du auch des, was du für
richtig hältst. Dann wird es sicher das Richtige. Du hast erst was falsch
gemacht, wenn alle dich loben.“ Aber diese letzten Tage waren keineswegs
nur von würdevollem Abschiednehmen geprägt. Mein Großvater begutachtete
durchaus noch kritisch und nur schwäbisch-karg lobend das Aussehen seiner
Enkeltöchter, forderte die einem sterbenden Mann zustehenden
Erholungspausen ein oder hinterfragte die noch verbesserungsbedürftigen
frischerworbenen Fahrkünste seines Lieblingsenkels. Ja er gönnte sich
selbst so knapp vor seinem Tod noch neue, lustvolle Erfahrungen. Als ich
ihm seinen Frühstückstee brachte, schaute er das Getränk missbilligend
an. „Mädle, ich lieg im sterben und werde nie wieder autofahren. Ich
hab mein ganzes Leben noch nie morgens im Bett an Schwips gehabt. Nimm den
Tee mit und bring mir eine Flasche Sekt – aber eine gute und kein
Piccolo.“ Zehn Tage nachdem er sich entschieden hatte, dass es jetzt
Zeit wäre zu gehen ist er im Beisein einiger seiner Kinder und Enkel
friedlich und lächelnd verstorben.
Von meinen Großeltern
war er der Einzige, mit dem wir es geschafft hatten uns auf ein solch
intensives Gespräch über das Leben, das Sterben und den Tod einzulassen.
Vielleicht auch nur deshalb, weil er so klar mit uns die Aussprache über
dieses so oft verdrängte und tabuisierte Thema gesucht hatte. Und die
Auswirkungen dieses anderen Umganges mit dem Thema „Sterben“ spüren
wir in unserer Familie noch heute. Von allen vier Großeltern ist er
derjenige, der am
lebendigsten in unserem Alltag geblieben ist.
Noch heute, mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod, vergeht kaum
ein Tag an dem nicht in irgendeinem Satz „Opa“ erwähnt wird,
meistens, wenn sich irgendetwas ereignet, was ihm Freude gemacht hätte.
Aber auch über seine Eigenheiten wird noch gefrotzelt.
Ich gebe gerne zu,
bis zu diesem Ereignis hatte ich den Tod auch lieber verdrängt und wenn
irgendwo doch mal ein Gedanke an meine eigene Endlichkeit aufflackerte, so
wurde der schnell zur Seite geschoben, in der Hoffnung, dass ich mich
eines fernen Tages völlig unvorbereitet und von jetzt auf nachher aus dem
prallen Leben verabschieden würde. Gut mein Großvater war ein tiefgläubiger
Mann und von daher war er überzeugt, dass er nach seinem Ableben endlich
seine schon längst verstorbene Ehefrau wiedersehen würde. Diese Überzeugung
erleichterte es ihm sicher, dem Tod lächelnd und bejahend die Hand zu
reichen. In dem er seine ganze Familie in sein sehr bewusstes Sterben
miteinbezogen hat, hat mein Großvater mir ein letztes und wunderbares
Geschenk gemacht. Wenn ich heute an unsere letzten gemeinsamen Tage denke,
sehe ich einen alten Mann, der mit Würde und Humor das Leben loslässt.
Diese Erfahrung wäre mir verwehrt geblieben, wenn ich mich nicht auf das
Gespräch mit meinem Großvater über den Tod und das Sterben hätte
eingelassen,
Natürlich ist es
leichter, einen Menschen gehen zu lassen, der auf ein erfülltes langes
Leben zurückschaut und von dem man weiß, dass er zutiefst davon überzeugt
ist, dass eine neue wunderbare Erfahrung
vor ihm liegt. Viel schwerer
ist es sich auf ein Gespräch über das Sterben mit einem Menschen
einzulassen der Angst hat, der verzweifelt ist oder der sein Leben gerade
erst begonnen hat. Aber wenn wir auf solche Ängste mit einem „Mach dir
keine Sorgen, des wir schon wieder“ reagieren, helfen wir da wirklich
jemanden? Ich hege den Verdacht, dass das in erster Linie eine sehr eigennützige
Reaktion ist, denn der Tod eines geliebten Menschen bedeutet ja je nach
religiöser Überzeugung von ihm für sehr lange Zeit oder für immer
Abschied nehmen zu müssen. Für diejenigen die bleiben, bedeutet der Tod
auch immer eine einschneidende Veränderung. Ich denke vielen Menschen,
die Gespräche über die Endlichkeit des Lebens abwehren, ist gar nicht
bewusst, dass dies nicht aus wohlmeinender Fürsorge für den Gehenden
geschieht, sondern dass es im Grunde genommen ein Davonlaufen vor den
eigenen Ängsten ist.
Es ist eine Entmündigung,
wenn ich einem Menschen, der das Gespräch sucht, dieses Gespräch
verweigere. Ich denke, wenn jemand mit mir über seine eigene Endlichkeit
reden will, dann öffnet er mir damit vertrauensvoll eine Tür in sein
Inneres und wenn ich die Schwelle nicht überschreite, so wird mir vieles
verborgen bleiben, was mein Gegenüber mit mir hat teilen wollen. Außerdem
bürde ich ihm unter Umständen noch eine unnötige Last auf. Ein Mensch,
den ich liebe möchte gehen und ich lasse ihn nicht los, weil ich Angst
vor einem Leben ohne ihn habe – ist das fair? Es ist wie beim
kaukasischen Kreidekreis, wer wirklich liebt, muss auch loslassen können.
Aber indem ich
zulasse, dass die Endlichkeit des Seins ein Teil des Lebens wird und
Themen wie Tod und Sterben nicht zum Tabu erkläre, gewinne ich nicht nur
eine tiefere Vertrautheit mit den Gedanken und dem Sein meines Gegenübers,
sondern die ganze Lebenswirklichkeit verschiebt sich und bekommt eine neue
Tiefe. Ist es nicht unendlich
viel schöner, ich lasse jemanden die Freiheit zu gehen und er bleibt
trotzdem bei mir? Und indem
ich mir selbst klar mache, dass ich nicht sicher sein kann, ob es ein
morgen gibt, schütze ich mich selbst davor meine Gegenwart zugunsten der
erträumten Zukunft zu vertrödeln. Ich lebe nahezu automatisch viel stärker
in der Gegenwart, ohne deshalb meine Zukunft und meine Träume aufzugeben.
Einige Jahre nach
dem Tod meines Großvaters erhielt eine meiner Bekannten vom Schicksal zu
ihrem dreißigsten Geburtstag die Diagnose „Brustkrebs“. Ohne
Vorbehalte redeten wir zwei damals über ihre schlechte Prognose und ihre
Todesängste und wurden darüber zu engen Freundinnen. Heute, fast zwanzig
Jahre später findet sie, dass das Leben für sie seitdem sehr viel
genussvoller geworden sei. Sie würde die Blumen intensiver riechen, die Küsse
ihres Freundes bewusster genießen und die Sonne in ihrem Gesicht stärker
spüren als in ihrer Vorkrebsära. Sie habe mit ihrer Todesangst und ihrer
Brust als Preis ein sehr bewusstes und genussvolles Leben erkauft. Nach
ihrer Meinung, war dies ein für sie selbst sehr günstiger Handel mit dem
Schicksal.
Und aus all diesen
Gründen gehört für mich zu einem bewussten lustvollen Leben, dass ich
mich täglich auf die Endlichkeit meines Lebens besinne. Jeden morgen beim
Zähneputzen blinzele ich meinem Spiegelbild zu und sage zu mir: „Mädle,
denk dran, dies könnte dein letzter Tag sein. Also genieße die schönen
Momente und nimm die schlechten Begebenheiten nicht wichtiger als sie es
tatsächlich sind.“ Und
danach lebe ich den Tag und genieße was er mir bringt, von der Tasse
Kaffee im Licht der aufgehenden Sonne, über ein fremdes Lächeln auf der
Straße bis zu den quälend-kuscheligen Berührungen des Mannes, in dessen
Armen ich einschlafe.
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