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Kennen
Sie auch diese Tage, die mit einem
einzigen Wort beschrieben sind? Tage, die
egal was man macht, nur von einem einzigen
Gefühl, einer einzigen Wahrnehmung geprägt
werden. Tage, an denen man morgens noch in
die letzten Nachtträume hinein spürt,
dass dies ein besonderer Tag ist und je
nachdem, ob es ein Pralinentag oder ein
Essigtag ist,
möchte man die Decke übermütig
wegkicken oder nochmals über den Kopf
ziehen.
An
solchen Tagen sollte man erst gar nicht
versuchen, sich dem Tag zu
widersetzen, außer man ist so
masochistisch veranlagt, das eigene
Scheitern zu genießen. Oder haben Sie es
schon einmal an einem "Rosa-Rote-Brillen-Tag"
geschafft die Welt kritisch-hinterfragend
zu betrachten? "Schulschwänztage"
sind zum Beispiel von mir heiß und innig
geliebte, aber selten genossene
Pralinentage. Tage an denen meine
Pflichten zwar laut schreien, aber von mir
mit einem mäßig schlechten Gewissen überhört
werden. Nie schmeckt mir ein Cafe Latte
besser als an so einem Tag im Straßencafe
mit der Sonne auf meinem Gesicht. Ich
liebe diese Pralinentage. Sie sind
Auszeiten für meine Seele,
Krafttankstelle für meinen Alltag und
Tage an denen ich mich häufig auf den Weg
mache, neugierig und unvoreingenommen
andere Leben zu entdecken.
Ganz
anders ist es mit den
"Essigtagen". Einer der
schlimmsten Essigtage ist für mich der
"Liebeskummertag". Nie scheinen
so viele frisch Verliebte händchenhaltend
und dämlich-grinsend an mir im Park
vorbei zu stolzieren wie an einem Tag, an
dem mich der eigene Liebeskummer fest in
seinen Klauen hat. Essigtage sind
autistische Tage, und an so einem Tag bin
ich weder mit mir noch mit anderen großzügig.
An einem Essigtag gibt es nur eine
richtige Meinung - und zwar die meine!
Basta Pasta !!
Es
gibt Tage - ich nenne sie "Tage der
Freundschaft" in denen ich nicht
einmal mit einem Auge in einen
Hausfrauen-Kochrezepte-Chat geschweige
denn in in einen Parkinson-Selbsthilfe-Chat linsen kann, ohne dass
ich auf einen Typen treffe, der eine
Partnerin - nein nicht fürs gemeinsame Hobby Kochen oder das gemeinsame
Ringen um ein unbehindertes
Gehandicaptenleben, sondern für das
komplette Alltagsleben sucht.
Kaum hast du dich an solchen Tagen
in die Chat-Lobby eingeloggt und die
ersten Worte getippselt, erscheint ein dir
völlig unbekannter Nick auf dem
Bildschirm und
wenn du noch eine flüchtige Begrüßung
erhältst bevor die alles entscheidende
Frage vor deinen Augen flimmert, hast du
sogar noch Glück gehabt. Je nach Bedürfnislage
werden meine nüchterne Augen mit so Fragen
wie „Wie lange hast du Parkinson?“ oder „Bist du
m/w?“
konfrontiert.
Und
kurz danach kommen dann Fragen,
nach meinem Alter, meinem Wohnort oder
sonstigen für mich die Vorteile der
Online-Selbsthilfe zerstörenden Fragen.
Spätestens wenn ich mich der Bitte um ein
Foto verweigere
oder mit anwesenden Freunden einen
unverbindlichen Smalltalk beginne, fliegen mir
hundertprozentig Sätze wie „Ich dachte
dies sei ein Selbsthilfe-Chat“ oder „Hier ist
ja nichts los“ vor die Augen. Dann
kann ich fast die Stoppuhr in Betrieb
nehmen, bis wann die unvermeidlichen Sätze
wie "Hier kümmert sich ja keiner um
den andern." oder "Ich
verabschiede mich - für immer" auf
dem Bildschirm flackern. Wehe
ich wage zu widersprechen - ähm
Gegenworte zu tippen. Im mildesten Falle
werde ich gefragt, warum ich so
streitlustig bin. Aber in den allermeisten
Fällen kann ich lesen " Wir haben
doch alle den selben Scheiß am Hals und
ich will keinen Streit" und dann ist
es nimmer weit bis zu dem Appell
"Seid doch endlich friedlich! Wir
sitzen alle in einem Boot"
Ich sitze dann immer vor meinem PC und könnte
schreien vor wütendem Gelächter.
Und ich weiß, es hat keinen Sinn den Chat
zu wechseln oder später wieder zu kommen,
denn schließlich ist es ein
„TAG der FREUNDSCHAFT“ und egal wie und wo,
ich werde heute laufend solchen Gesprächspartnern
über den Weg laufen, deren Sätze sich
nur unwesentlich unterscheiden werden und
grundsätzlich darauf hinauslaufen, dass wir,
die eine gemeinsame Krankheit
haben als Freunde durchs feindliche Leben
schlurfen müssen. Was bitteschön hat
Freundschaft damit zu tun, dass das
Schicksal uns zufällig die Krankheit
Parkinson auf die Schultern gelegt hat?
Bisher
waren "Tage der Freundschaft" für mich
ganz ohne jeden Zweifel
"Essigtage". Aber jetzt bin ich
ins zweifeln gekommen, ob meine
Katalogisierung nicht etwas voreilig und
vor allen Dingen falsch war. Gut meine Bedürfnisse
in einem Selbsthilfe-Chat sind klar. Ich lebe im
Alltag offen und geoutet meinen Parkinson. Ich
suche im Chat weder den super Tipp für
die Wunderheilung noch suche ich mögliche
Freunde fürs Leben. An das Erste glaube
ich nicht und das Zweite habe ich schon. In
erster Linie suche ich Kontakt zu Menschen
die mir sympathisch sind. Menschen von
denen ich aufgrund des Ortes an dem wir
uns treffen annehmen kann, dass ihr Leben
- egal ob als Patient oder als jemand aus
dem Umfeld eines Patienten - von Parkinson
verändert wurde. Ich genieße diese zu
nächst anonymen Gespräche, in denen man
sich jenseits der eigenen sozialen
Umgebung und jenseits der eigenen
optischen Vorstellungen begegnet. Wo sonst
kann ich erst die Gedanken und Gefühle
eines Menschen kennen- und manchmal
schätzen lernen, ohne durch
Äußerlichkeiten abgelenkt zu werden?.
Nachdem ich aber
nicht auf
der Suche nach netten Bekannten und künftigen
möglichen Freunden bin, mit denen ich
nicht nur meine Erfahrungen mit Parkinson
teilen kann, sind für mich zunächst die
Lebenssituation des andern eher unwichtig.
Für mich ist interessanter und wichtiger
andere Standpunkte und Blickwinkel kennen
zu lernen. Ich habe dafür
auch ein ziemlich großes Zeitfenster übrig.
Aber ob aus so einem Kontakt ein
Freundschaft wird, das entscheiden wir
Menschen und nicht die Zeit und nicht die Krankheit.
Aber
jedes Ding hat mindestens zwei Seiten und
ich befürchte, in dem Gefühl glücklich
und geborgen in einem durch meine
Krankheit nicht lädierten Freundes- und
Familienkreis leben zu können,
habe ich mich gegenüber denjenigen, die
sich aus welchen – und von mir auf
keinen Fall zu wertenden - Gründen
zunächst für ein verheimlichen der
Krankheit und damit zwangsweise für ein
zurückgezogenes Leben entschieden haben, etwas
sehr aufs hohe Ross gesetzt.
Im Net kann man schließlich leicht
faken. Es wäre also für jeden leicht
vorzugeben, er suche eine lediglich den
lebhaften Meinungsaustausch, selbst
wenn er nur aus der selbst auferlegten
Einsamkeit entfliehen will.
So gesehen ist die mich so nervende
direkte und schnelle Vereinnahmung eigentlich
nur ein sehr faires Signal.
Also
werde ich mich wohl an der eigenen Nasespitze
packen müssen. In der Lobby eines Chat
sollten sich alle wohl und willkommen fühlen
- smalltalkende Parki-Cliquen,
spielsuchende Parkitalker
und wer sonst noch gerne
reinschauen will. Das gilt auch für
harmoniesüchtige, diskussionsscheue
Neulinge, die Freundschaft und Selbsthilfe
in ein und den selben Topf werfen. Gut ich denke soweit
muss ich nicht gehen, einen
"Tag der Freundschaft" von einem
"Essigtag" zu einem
"Pralinentag" upzugraden, aber
wenigstens den Status eines völlig
normalen Chattages sollte ich ihm dann
doch gewähren. Schließlich sind wir alle
Menschen auf der Suche nach einem glücklichen
Leben. Damit ist der "Tag der
Freundschaft“
für mich auch namenlos geworden, denn
alltägliche Tage heißen nur Montag,
Dienstag,
...... Aber dass sich jetzt ja
keiner einbildet, dass ich jetzt "Faketage"
auch noch anders betrachte und es künftig
ok finde belogen zu werden. "Faketage"
bleiben Essigtage! Basta-Pasta!
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