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  TAG  DER   FREUNDSCHAFT  UND WARUM ER NAMENLOS FÜR MICH WURDE

AUSKÜNFTE

PARKILUST
Wir haben Glück ...
Lachen erlaubt?
Alkoholikerin
Tag der Freundschaft History der Parkichats
PARKIKULTUR
Orange steht für Energie, Balance und Wärme

PARKISPOTT
Gelb bedeutet Optimismus, Hoffnung, Philosophie, Unehrlichkeit, Feigheit, Neid, Betrug

PARKIPRAXIS
Grün vertritt Natur, Erde, Gesundheit, Glück, Eifersucht, Erneuerung, Geld

PARKISINN
Violett symbolisiert Spiritualität, Geheimnis, Königlich, Macht, Transformation, Grausamkeit, Arroganz, Homosexualität

Kurzfassung für Nichtleser:
Über die Lust vieler Online-Selbsthilfe-Chatter andere zwangszubefreunden.

 

 

Text für Lesefreudige:

Kennen Sie auch diese Tage, die mit einem einzigen Wort beschrieben sind? Tage, die egal was man macht, nur von einem einzigen Gefühl, einer einzigen Wahrnehmung geprägt werden. Tage, an denen man morgens noch in die letzten Nachtträume hinein spürt, dass dies ein besonderer Tag ist und je nachdem, ob es ein Pralinentag oder ein Essigtag ist,  möchte man die Decke übermütig wegkicken oder nochmals über den Kopf ziehen.

An solchen Tagen sollte man erst gar nicht  versuchen, sich dem Tag zu widersetzen, außer man ist so masochistisch veranlagt, das eigene Scheitern zu genießen. Oder haben Sie es schon einmal an einem "Rosa-Rote-Brillen-Tag" geschafft die Welt kritisch-hinterfragend zu betrachten? "Schulschwänztage" sind zum Beispiel von mir heiß und innig geliebte, aber selten genossene Pralinentage. Tage an denen meine Pflichten zwar laut schreien, aber von mir mit einem mäßig schlechten Gewissen überhört werden. Nie schmeckt mir ein Cafe Latte besser als an so einem Tag im Straßencafe mit der Sonne auf meinem Gesicht. Ich liebe diese Pralinentage. Sie sind Auszeiten für meine Seele, Krafttankstelle für meinen Alltag und Tage an denen ich mich häufig auf den Weg mache, neugierig und unvoreingenommen andere Leben zu entdecken.

Ganz anders ist es mit den "Essigtagen". Einer der schlimmsten Essigtage ist für mich der "Liebeskummertag". Nie scheinen so viele frisch Verliebte händchenhaltend und dämlich-grinsend an mir im Park vorbei zu stolzieren wie an einem Tag, an dem mich der eigene Liebeskummer fest in seinen Klauen hat. Essigtage sind autistische Tage, und an so einem Tag bin ich weder mit mir noch mit anderen großzügig. An einem Essigtag gibt es nur eine richtige Meinung - und zwar die meine! Basta Pasta !!

 Es gibt Tage - ich nenne sie "Tage der Freundschaft"  in denen ich nicht einmal mit einem Auge in einen Hausfrauen-Kochrezepte-Chat geschweige denn in in einen Parkinson-Selbsthilfe-Chat linsen kann, ohne dass ich auf einen Typen treffe, der eine Partnerin - nein  nicht fürs gemeinsame Hobby Kochen oder das gemeinsame Ringen um ein unbehindertes  Gehandicaptenleben, sondern für das komplette Alltagsleben sucht.  Kaum hast du dich an solchen Tagen in die Chat-Lobby eingeloggt und die ersten Worte getippselt, erscheint ein dir völlig unbekannter Nick auf dem Bildschirm und  wenn du noch eine flüchtige Begrüßung erhältst bevor die alles entscheidende Frage vor deinen Augen flimmert, hast du sogar noch Glück gehabt. Je nach Bedürfnislage werden meine nüchterne Augen mit so Fragen wie „Wie lange hast du Parkinson?“ oder „Bist du m/w?“ konfrontiert.  Und kurz danach kommen dann Fragen, nach meinem Alter, meinem Wohnort oder sonstigen für mich die Vorteile der Online-Selbsthilfe zerstörenden Fragen. Spätestens wenn ich mich der Bitte um ein Foto verweigere oder mit anwesenden Freunden einen unverbindlichen Smalltalk beginne,  fliegen mir hundertprozentig Sätze wie „Ich dachte dies sei ein Selbsthilfe-Chat“ oder „Hier ist ja nichts los“ vor die Augen. Dann kann ich fast die Stoppuhr in Betrieb nehmen, bis wann die unvermeidlichen Sätze wie "Hier kümmert sich ja keiner um den andern." oder  "Ich verabschiede mich - für immer" auf dem Bildschirm flackern.  Wehe ich wage zu widersprechen - ähm Gegenworte zu tippen. Im mildesten Falle werde ich gefragt, warum ich so streitlustig bin. Aber in den allermeisten Fällen kann ich lesen " Wir haben doch alle den selben Scheiß am Hals und ich will keinen Streit" und dann ist es nimmer weit bis zu dem Appell  "Seid doch endlich friedlich! Wir sitzen alle in einem Boot"

Ich sitze dann immer vor meinem PC und könnte  schreien vor wütendem Gelächter. Und ich weiß, es hat keinen Sinn den Chat zu wechseln oder später wieder zu kommen, denn schließlich ist es ein „TAG der FREUNDSCHAFT“ und egal wie und wo, ich werde heute laufend solchen Gesprächspartnern über den Weg laufen, deren Sätze sich nur unwesentlich unterscheiden werden und grundsätzlich darauf hinauslaufen, dass wir, die eine gemeinsame Krankheit haben als Freunde durchs feindliche Leben schlurfen müssen. Was bitteschön hat Freundschaft damit zu tun, dass das Schicksal uns zufällig die Krankheit Parkinson auf die Schultern gelegt hat?

Bisher waren "Tage der Freundschaft" für mich ganz ohne jeden Zweifel "Essigtage". Aber jetzt bin ich ins zweifeln gekommen, ob meine Katalogisierung nicht etwas voreilig und vor allen Dingen falsch war. Gut meine Bedürfnisse in einem Selbsthilfe-Chat sind klar. Ich lebe im Alltag offen und geoutet meinen Parkinson. Ich suche im Chat weder den super Tipp für die Wunderheilung noch suche ich mögliche Freunde fürs Leben. An das Erste glaube ich nicht und das Zweite habe ich schon. In erster Linie suche ich Kontakt zu Menschen die mir sympathisch sind. Menschen von denen ich aufgrund des Ortes an dem wir uns treffen annehmen kann, dass ihr Leben - egal ob als Patient oder als jemand aus dem Umfeld eines Patienten - von Parkinson verändert wurde. Ich genieße diese zu nächst anonymen Gespräche, in denen man sich jenseits der eigenen sozialen Umgebung und jenseits der eigenen optischen Vorstellungen begegnet. Wo sonst kann ich erst die Gedanken und Gefühle eines Menschen kennen- und manchmal schätzen lernen, ohne durch Äußerlichkeiten abgelenkt zu werden?. 

 Nachdem ich aber nicht auf der Suche nach netten Bekannten und künftigen möglichen Freunden bin, mit denen ich nicht nur meine Erfahrungen mit Parkinson teilen kann, sind für mich zunächst die Lebenssituation des andern eher unwichtig. Für mich ist  interessanter und wichtiger andere Standpunkte und Blickwinkel kennen zu lernen.  Ich habe dafür auch ein ziemlich großes Zeitfenster übrig.  Aber ob aus so einem Kontakt ein Freundschaft wird, das entscheiden wir Menschen und nicht die Zeit und nicht die Krankheit.

Aber jedes Ding hat mindestens zwei Seiten und ich befürchte, in dem Gefühl glücklich und geborgen in einem durch meine Krankheit nicht lädierten Freundes- und Familienkreis  leben zu können, habe ich mich gegenüber denjenigen, die sich aus welchen – und von mir auf keinen Fall zu wertenden - Gründen zunächst für ein verheimlichen der Krankheit und damit zwangsweise für ein zurückgezogenes Leben entschieden haben, etwas sehr aufs hohe Ross gesetzt.  Im Net kann man schließlich leicht faken. Es wäre also für jeden leicht vorzugeben, er suche eine lediglich den lebhaften Meinungsaustausch, selbst wenn er nur aus der selbst auferlegten Einsamkeit entfliehen will.  So gesehen ist die mich so nervende direkte und schnelle Vereinnahmung eigentlich nur ein sehr faires Signal.

Also werde ich mich wohl an der eigenen Nasespitze packen müssen. In der Lobby eines Chat sollten sich alle wohl und willkommen fühlen - smalltalkende Parki-Cliquen, spielsuchende Parkitalker  und wer sonst noch gerne reinschauen will. Das gilt auch für harmoniesüchtige, diskussionsscheue Neulinge, die Freundschaft und Selbsthilfe in ein und den selben Topf werfen. Gut ich denke soweit muss ich nicht gehen, einen "Tag der Freundschaft" von einem "Essigtag" zu einem "Pralinentag" upzugraden, aber wenigstens den Status eines völlig normalen Chattages sollte ich ihm dann doch gewähren. Schließlich sind wir alle Menschen auf der Suche nach einem glücklichen Leben. Damit ist der "Tag der Freundschaft“ für mich auch namenlos geworden, denn alltägliche Tage heißen nur Montag, Dienstag,  ...... Aber dass sich jetzt ja keiner einbildet, dass ich jetzt "Faketage" auch noch anders betrachte und es künftig ok finde belogen zu werden. "Faketage" bleiben Essigtage! Basta-Pasta!

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Copyright by Birgitta Baur Stand vom 20.04.2008