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Alkoholikerin
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PARKISINN
Violett symbolisiert Spiritualität, Geheimnis, Königlich, Macht, Transformation, Grausamkeit, Arroganz, Homosexualität

Kurzfassung für Nichtleser:
Wie wirke ich auf Dritte - Erfahrungen auf die man sich besser vorbereitet

 

Text für Lesefreudige:

Ich wurde im Juli 1995 diagnostiziert. Ergänzend zu meinem Neurologen, besuchte ich auch eine Homöopathin. Bei einem Besuch im Frühsommer 1998, erklärte sie mir ganz nebenbei "Ihr Parkinson ist für Sie ja zur Zeit eh nur ein kosmetisches Problem!". Als ich erstaunt aufblickte, wiederholte sie diese Bemerkung sogar noch einmal - ich bat um Erläuterung. "Ich habe Patienten, deren Zittern schwächer ausgeprägt ist als bei Ihnen, die sich aber aus Angst davor, für Alkoholiker gehalten zu werden, nicht mehr unter Menschen trauen."

Ich war fertig, denn erstens war ich bis dato noch gar nicht auf die glorreiche Idee gekommen, dass mich irgendwer für eine Alkoholikerin halten könnte und zweitens war mir die Vorstellung völlig fremd, dass ich meine Aktionen nur wegen der möglichen bzw. befürchteten Reaktionen der Umwelt einschränken sollte. Ich hatte mir nämlich vom ersten Tag angeschworen, dass ich es nicht zu lasse, dass mein Parkinson mir mein Leben eng macht.

Meine Fassungslosigkeit steigerte sich noch, als mir meine Mutter erzählte, dass eine ihrer Freundin ebenfalls Parkinson hat. Diese wohnt in einem 2.000-Seelen-Dorf und traut sich keine Spaziergänge ohne Begleitung mehr zu, weil sie befürchtet, dass sie aufgrund ihres Gangbildes für eine Säuferin gehalten werden könnte. Meine Mutter gestand mir, dass sie sich nicht getraut hatte mir dies zu erzählen, weil sie befürchtete, dass ich mich künftig ähnlich verhalten könnte.

Meine Fassungslosigkeit löste sich erst in Luft auf, als meine Freundin Kristine die Story kichernd mit den Worten kommentierte "Das könnte dir nie passieren !!! Du würdest es den ersten 500 Dorfbewohnern selbst erklären und dann drauf vertrauen, dass der Dorfklatsch den Rest erledigt."

Nach dieser Vorgeschichte war ich für die folgende Begebenheit bestens gewappnet. Nach einem Einkaufsbummel stand ich gutgelaunt und schwerbepackt im einsetzenden Regen an der Straßenbahnhaltestelle. Die erste Straßenbahn die kam war zwar die falsche, aber sie spuckte einen schwankenden, bierflaschenschwenkenden älteren Herren aus, der mich in dem Wartehäuschen mit seiner Alkoholfahne einnebelte.

Er lallte mich an "Du bist eine Alkoholikerin" - "Nein, ich bin keine Alkoholikerin" - "Doch du bist Alkoholikerin, du zitterst" - "Nein, ich bin keine Alkoholikerin, ich habe Parkinson" - "Nein du bist zu jung für Parkinson, du bist Alkoholikerin" - "Nein ich bin keine Alkoholikerin" - "Doch du bist Alkoholikerin, du zitterst" - "Nein, ich bin keine ......"

Dieses Gespräch wiederholte sich gebetsmühlenhaft, ohne dass neue Gesprächsbeiträge dazukamen. Unter dem Gelächter der Umstehenden und meinem Grinsen setzte sich das Gespräch auch in der endlich ankommenden Straßenbahn fort. Mein Quälgeist verließ mich dann zum Glück drei Stationen später. Ich wartete auf den mir zustehenden Szenenapplaus. Stattdessen öffnete eine Lady neben mir eine Pralinenschachtel und bot mir eine der Süßigkeiten mit den Worten an "Die haben Sie sich jetzt redlich verdient.

Bisher habe ich nur Geschichten erzählt, in denen ich mehr oder weniger relaxt und souverän reagiert habe. Natürlich wäre es mir lieber, wenn ich immer so gut drauf wäre, aber dem ist nicht so.

Es war an einem regnerischen Tag im Sommerschlussverkauf 2000. Nach einem anstrengenden Arbeitstag stürzte ich mich noch ins Kampfgetümmel ins Kaufhaus, um mir Essbares zu besorgen. Plötzlich viel mir ein, dass ich für meine Schulanfänger noch Wassermalfarben benötigte. Also auf in die Schreibwarenabteilung. Ich war inzwischen schon ganz nett erschöpft und ziemlich zittrig. Ich suchte mir daher extra eine Kasse mit wenig Betrieb aus.

Als ich ganz langsam dabei war meine Einkäufe in meinem übervollen Rucksack zu verstauen, werde ich von der Seite angefaucht "Jetzt machen Se mal zu. Das ist ja eine Unverschämtheit wie Sie hier alles blockieren". Noch bevor ich reagieren konnte griffen zwei mit Alterflecken übersäte Hände nach meinem Schirm und warf ihn auf den Boden. Während ich vor Fassungslosigkeit erstarrte, folgte auch noch mein Rucksack dem Schirm und meine Einkäufe lagen verstreut auf dem Boden.

Ich konnte nur noch stammeln "Was soll denn das?" Vor mir stand eine ältere Talmi-Lady, ausstaffiert mit Billigperlenkette und einer Schminkschicht, die man nur mit einer Spachtel hätte abkratzen können. Sie zischte mich nur noch an "Es ist unerträglich, wenn Frauen besoffen rumlaufen und ordentliche Leute beim einkaufen stören." - dann rauschte sie davon. Ich brachte kein Wort heraus. Der Kassierer, ähnlich fassungslos wie ich kam um die Theke und packte mir unter vielen Entschuldigungen meine sieben Zwetschgen ein. Völlig fertig schleppte ich mich nach Hause. Dort brach ich in Tränen aus.

Die Tränen trockneten erst, als mein Freund Frank mich telefonisch tröstete "Süße, so eine Schrapnelle ist keine deiner Tränen wert. Ärger dich nicht dass du nicht sofort reagiert hast. Die Szene wäre eh unter dein Niveau gerutscht."

 

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Copyright by Birgitta Baur Stand vom 10.04.2008