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ARTIKEL

  D-DAY

AUSKÜNFTE

PARKILUST
Rot signalisiert Kraft, Energie, Liebe, Wärme, Leidenschaft, Aggression, Gefahr

PARKIKULTUR
Die Wette
Eine belegte Frau
Mustertücher
D-Day

PARKISPOTT
Gelb bedeutet Optimismus, Hoffnung, Philosophie, Unehrlichkeit, Feigheit, Neid, Betrug

PARKIPRAXIS
Grün vertritt Natur, Erde, Gesundheit, Glück, Eifersucht, Erneuerung, Geld

PARKISINN
Violett symbolisiert Spiritualität, Geheimnis, Königlich, Macht, Transformation, Grausamkeit, Arroganz, Homosexualität

Kurzfassung für Nichtleser:
Meine allererste Kurzgeschichte

 

Text für Lesefreudige:

Jetzt war er da, ihr D-Day. Nachdenklich stand sie vor dem Spiegel und betrachtete ihr Ebenbild. Jeder Blick in den Spiegel bestätigte ihr, dass sich nicht nur ein neuer Blick in ihre Augen eingeschlichen hatte, sondern auch Körperhaltung, Ausstrahlung und sogar Kleiderstil eine neue Handschrift zeigten. Sie war ein imperfektes, üppiges mittelalterliches Weib in einem schmalen schwarzen Cocktailkleid mit einem pumuckeligem Haarschopf, und keiner, der sie so glückstrahlend in ihr eigenes Ebenbild versunken sah, konnte etwas von dem Geheimnis erahnen, das ich hinter ihren strahlend graugrünen Augen verbarg. 

Der Tag, an dem Maggie aus ihrem gewohnten Leben gekippt worden war, war nun schon längst Vergangenheit. Seitdem hatte sich für sie alles verschoben. Jeden einzelnen Tag  hatte sie seither gehofft und gefürchtet, dass wenigstens ein Freund die Veränderungen bemerkt und anspricht. Gehofft, weil es eine Befreiung aus dem Kerker der Sprachlosigkeit  und dem Leben in der Dauerschummelei hätte sein können – Gefürchtet, weil das Unverständnis der Umwelt sie in die innere Einsamkeit hätte treiben können. Aber nicht ein fragender Blick hatte sie gestreift, nicht eine scheue Frage sie berührt. „Es gibt kein glückliches Leben im falschen Leben“, dieser Satz ihres Herzensschöners hatte sich in ihr Gedächnis gebrannt. Widerwillig hatte Maggie sich eingestanden, dass diesem Satz eine tiefe Wahrheit innewohnte. Nur wie bringt man der Umgebung bei, dass sich das eigene Leben und Erleben grundlegend verändert hat? 

Wenn schon, denn schon – eine Coming-out-Party!! Ihre Putzfee hatte gezaubert. Die Spuren der Verwahrlosung, die sich in den letzten Monaten eingeschlichen hatten, waren getilgt. Die Profis vom Partyservice hatten zwar gestutzt, als Maggie ihnen den Auftrag erteilt hatte, ein Buffet zu bauen, das „unprofessionell“ wirken solle, aber sie haben mit Hilfe der Rezepte, des Geschirres und der feinen Zunge Maggies ein Buffet gebaut, das so aussieht und hoffentlich auch schmeckt als ob sie es - wie der Vergangenheit üblich - selbst gekocht hätte. 

Heute ist Maggies Premierenabend. Noch fehlt das Publikum, und ihre Gefühlslage ist mit Lampenfieber gut beschrieben. Schon im Normalfall hasste sie die Momente, wenn alles fertig vorbereitet war und sie alleine auf die ersten Gäste wartete. Heute ist es für sie der pure Warteterror. Diese leicht übertriebene, leicht melodramatische Geste – eine Coming-Out-Party – ist typisch für sie. Schmunzelnd prostet sie mit einem „Mut-Mach-Cocktail“ ihrem Spiegelbild zu „Also Mädel – keine Panik auf der Titanic und genieße deinen Abend. Die Angst und die Schwammerl in den Knie gehören nun mal mit zum Vergnügen !!! – Auf deinen D-Day !!“ 

Das Klingeln an der Tür erlöst sie aus quälenden Warterei. Die Gäste erobern sich nach und nach die Wohnung. Ihre Freunde rechnen mit einer der üblichen spontanen und üppig bekochten Prosecco-Gelage. Maggies Herzensschöner ist wie vereinbart leicht verspätet gekommen. Neue Gesichter sind auf ihren Parties Usus und er wird, wie alle Neuen, von den Alten freundlich aufgenommen. Er hält sich auf Distanz zu seiner Liebsten. Wenn der Augenblick des Coming-Outs gekommen ist, wird er das Startsignal geben. Er ist für heute ihr Regisseur und sie ganz und gar seine Schauspielerin. 

Es ist wie immer. Um Maggies üppiges Büffet haben sich wie immer die unterschiedlichsten Typen versammelt. Für einen unbeteiligten Beobachter ist nicht erkennbar, welche Gruppe eine Minderheit darstellen könnte. Die Gastgeberin schlendert scheinbar ganz entspannt zwischen den Gästen herum. Auf dem Balkon doziert ein Ägyptologe über die Feinheiten der altägyptischen Grammatik. Fraglich, ob der ihm lauschende Gärtner mit seiner Legasthenie wirklich das hundertprozentig geeignete Publikum ist. Aber der wird sich irgendwann schon mit einer Beschreibung der Feinheiten der Fliegenfischerei revanchieren. In der Küche hat sich um das Dessertbüffet die übliche Clique aus Naschkatzen versammelt – die Rezepte hat die Hausherrin, aus Erfahrung klug geworden gleich dazugelegt. Also muss sie sich nicht darum sorgen, worüber sich ihre Lieblingspiercerin und ihre Bürokollegin unterhalten könnten. Im Wohnzimmer steckt eine bunte Mischung aus Gayfreunden, Internetjunkies und Ökofreaks. Es ist immer wieder erstaunlich, wie verbindend eine Schlacht am kalten Büffet ist. Die Schuhe, die da unter dem Tisch herausragen, gehören Ronaldo, der mal wieder zu viel gemampft hat und jetzt eines seiner üblichen Verdauungsschläfchen hält. Einen massenkompatiblen Musikgeschmack gibt es nicht, aber freundlicherweise wühlen  sich der gymnasiale Musikerzieher, der Punkmusiker und der übrig gebliebene Alt-68er im  Schlafzimmer vergnügt durch die CD-Sammlung und regeln die Beschallung der Party unter sich. Mit Apocalyptica haben sie gerade eine geradezu prophetische Musikwahl getroffen. 

Maggie hat den Zweck des Abends schon beinahe vergessen und ihre Nervosität ist nahezu völlig der Entspannung gewichen, als sie Herzensschöners Hand in ihrem Genick spürt, ein kurzer leichter Druck und ein leise gesprochenes zwingendes „Los jetzt“. Panik steigt ihr in die Kehle und sie will am liebsten alles abbrechen.  In Gedanken flüstert sie sich zu: „Halt, Mädel, dieses Coming-Out war dein Wunsch. Dein Herzensschöner fordert von dir nur die Erfüllung deiner eigenen Wünsche und Pläne.“ Einem wortlosen, mit den Augen übermittelten Befehl ihres Herzensschöners folgend stellt sie sich für alle Gäste gut sichtbar in den Flur. Mit zitternden Händen greift Maggie nach der Glocke, die sie zu Beginn des Abends versteckt hat, und beginnt zu bimmeln was das Zeug hält. Die Gespräche verstummen, erstaunte Gesichter drehen sich ihr zu, selbst Ronaldo krabbelt, von den Geräuschen geweckt, unter dem Buffet hervor. 

Zunächst mit kicksender unsicherer Stimme, aber dann immer sicherer und lauter, fängt Maggie ihre in Gedanken oft gehaltene Rede an. „Hey meine Lieben, ihr wisst dass ich noch nie auf einem meiner Feste eine Rede gehalten habe, aber ungewöhnliche Ereignisse erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich sehr zurückgezogen  und habe  mich fast ausschließlich im Internet vergraben. Aber ich schulde es mir und euch, dass ich wieder ein komplettes Leben führe. Ich will weder euch Wesentliches aus meinem Leben verheimlichen, noch will ich das Neue in meinem Leben dadurch beschmutzen, dass ich es vor meinen Freunden verstecke. Keiner soll auf die Idee kommen, dass ich mich für das, was mir in den letzten Monaten widerfahren ist, schäme.  

Also um es kurz zu machen: DER MANN, MIT DEM ICH DEN REST MEINES LEBENS VERBRINGEN WERDE, HAT MICH GEFUNDEN !! Geli grins nicht!! Ich weiß,  ähnliche Sätze habe ich schon oft gesagt – da hast du recht. Aber es gab noch nie einen Mann in meinem Leben, der meine Wirklichkeit so dominiert wie er. Bevor ich ihn euch vorstelle, möchte ich euch erzählen, wie er mein Leben verändert hat und warum ich so sicher bin, dass er mich nie wieder aus seinen Händen entlassen wird.  

Ich habe Hummeln im Arsch und will ständig neue Ideen und die möglichst sofort umsetzen. Der Herr zwingt mich jedoch zur Ruhe und Langsamkeit. Wenn er es wünscht, muss ich mich ruhig in mich versenken. Er lässt es nicht zu, dass ich auf jeder Hochzeit tanze. Er wählt für mich aus, was ich tun kann, wann ich es tue und wie ich es tue. Er entscheidet über meinen Alltag. Ach Heinrich, ich sehe das ungläubig-erschreckte Staunen in deinem Blick. Ja ich Powerfrau, die immer mit dem Kopf durch die Wand will, muss es zulassen, dass nun ein Anderer mein Leben beherrscht.  

Seine Dominanz ist häufig sehr schmerzend für mich. Er schädigt meine körperliche Unversehrtheit, und ich verdanke ihm manchen blauen Fleck und manchen Striemen. Es fällt mir nicht immer leicht, meinen eigenen Willen dem seinen zu unterwerfen. Wenn ich nicht folgsam bin, büße ich das meistens sofort und heftig, manchmal aber auch erst Tage später. Er verfügt über ein reiches Arsenal an Strafmaßnahmen. Jede einzelne Strafe verfluche ich und häufig verwandle ich mich in ein haderndes, weinendes, zitterendes Weib. Ich sehe euer Erschrecken. Ihr denkt sicher, dass ich nicht mehr ganz knusper bin, mein Leben mit so einem Kerl zu teilen.  Dabei habe ich noch nicht einmal gesagt, dass der Gute äußerst willkürlich sein kann. Ich kann seine Launen nie voraus sagen. Er kann tagelang völlig friedlich sein, um dann völlig unvermutet wieder seine Hiebe und Schläge auf mich einprasseln zu lassen oder mich sonst zu piesaken. Er liebt es zum Beispiel sehr, mich in den unmöglichsten Momenten, gerne auch in der Öffentlichkeit, mit Bewegungseinschränkungen zu traktieren oder mich unter seine Knute zu zwingen. Wie gesagt, der Herr hat mir keine Wahl gelassen und mich seinem harten Willen unterworfen.  

Aber der Herr – ich nenne ihn übrigens Sir James und rede ihn grundsätzlich mit Sie an – schenkt mir keineswegs nur den euch so erschreckenden Schmerz. Mit dem Schmerz schenkt er mir Lebendigkeit und das Gefühl von Leben. Er passt auch mich auf, dass ich mich nicht überfordere. Er macht mir täglich meine Grenzen bewußt und stärkt mich in meinem Willen, diese Grenzen zu überwinden. Er gibt mir Kraft und schenkt mir Stolz. Ihm verdanke ich es, dass ich mich selbst mit jeder einzelnen Faser meines Körpers wahrnehme und liebe. Er sorgt dafür, dass ich meiner selbst sehr bewußt bin und dass ich nichts mit mir geschehen lasse, was ich nicht will. Dank ihm habe ich gelernt, dass Schwäche Stärke sein kann. Ihm verdanke ich, dass ich ganz und gar im hier und jetzt lebe. Er zeigt mir jeden Tag die kleinen Freuden des Alltages. Ich sorge mich nicht mehr um die Zukunft. Und ich glaube, keiner von euch kann sich vorstellen, wie wunderbar und beglückend es ist, wenn der Schmerz zunächst einen Körper erobert und dann in sanften Wellen davon fließt und nur noch eine große innere Ruhe und Gelassenheit zurückläßt. Sir James schenkt mir dieses süchtig machende Gefühl nahe zu täglich.......“  

Maggie hat sich in Fahrt geredet und nimmt die ungläubigen Blicke ihrer Uraltfreunde schon gar nicht mehr richtig wahr. Einzig wichtig für sie ist der warme stolze Blick in den Augen ihres Herzensschöners. Der Blick ist ein einziges lockendes Versprechen für die Stunden nach der Party. Erschreckt zuckt die Rednerin zusammen, als Rominata, eine der neuen Chatterfreundinnen, aufspringt, ihr Prosecco-Glas hochreißt und in die Runde ruft: „Mensch, Liebes, mach es doch nicht so spannend. Sag einfach, dass du eine Masochistin bist und der knuddelbärige Typ da in der Ecke dein sadistischer Kerl. Komm, lass uns auf dein Coming-Out als SMerin anstoßen!!“ 

Maggie steht da wie ein begossener Pudel. Das war nicht gelaufen wie geplant. Hilflos schnappt sie nach Worten, die ihr nicht über die Lippen kommen. Am liebsten würde Maggie sich in ein Mauseloch verkriechen. Plötzlich erklingt neben ihr die ruhige und gelassene Stimme ihres bezaubernden Herrn – weiß der Teufel, wie er es geschafft hat sich von ihr unbemerkt neben sie zu stellen „Nein, ich bin nicht Sir James. Meine Liebste hat euch von ihrer ungeliebten Krankheit erzählt, mit der sie voller Achtung und Demut lebt. Einer Krankheit, benannt nach James Parkinson!“

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Copyright by Birgitta Baur Stand vom 10.04.2008