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Jetzt
war er da, ihr D-Day. Nachdenklich stand sie vor
dem Spiegel und betrachtete ihr Ebenbild. Jeder
Blick in den Spiegel bestätigte ihr, dass sich
nicht nur ein neuer Blick in ihre Augen
eingeschlichen hatte, sondern auch Körperhaltung,
Ausstrahlung und sogar Kleiderstil eine neue
Handschrift zeigten. Sie war ein imperfektes, üppiges
mittelalterliches Weib in einem schmalen schwarzen
Cocktailkleid mit einem pumuckeligem Haarschopf,
und keiner, der sie so glückstrahlend in ihr
eigenes Ebenbild versunken sah, konnte etwas von
dem Geheimnis erahnen, das ich hinter ihren
strahlend graugrünen Augen verbarg.
Der
Tag, an dem Maggie aus ihrem gewohnten Leben
gekippt worden war, war nun schon längst
Vergangenheit. Seitdem hatte sich für sie alles
verschoben. Jeden einzelnen Tag
hatte sie seither gehofft und gefürchtet,
dass wenigstens ein Freund die Veränderungen
bemerkt und anspricht. Gehofft, weil es eine
Befreiung aus dem Kerker der Sprachlosigkeit
und dem Leben in der Dauerschummelei hätte
sein können – Gefürchtet, weil das Unverständnis
der Umwelt sie in die innere Einsamkeit hätte
treiben können. Aber nicht ein fragender Blick
hatte sie gestreift, nicht eine scheue Frage sie
berührt. „Es gibt kein glückliches Leben im
falschen Leben“, dieser Satz ihres Herzensschöners
hatte sich in ihr Gedächnis gebrannt. Widerwillig
hatte Maggie sich eingestanden, dass diesem Satz
eine tiefe Wahrheit innewohnte. Nur wie bringt man
der Umgebung bei, dass sich das eigene Leben und
Erleben grundlegend verändert hat?
Wenn
schon, denn schon – eine Coming-out-Party!! Ihre
Putzfee hatte gezaubert. Die Spuren der
Verwahrlosung, die sich in den letzten Monaten
eingeschlichen hatten, waren getilgt. Die Profis
vom Partyservice hatten zwar gestutzt, als Maggie
ihnen den Auftrag erteilt hatte, ein Buffet zu
bauen, das „unprofessionell“ wirken solle,
aber sie haben mit Hilfe der Rezepte, des
Geschirres und der feinen Zunge Maggies ein Buffet
gebaut, das so aussieht und hoffentlich auch
schmeckt als ob sie es - wie der Vergangenheit üblich
- selbst gekocht hätte.
Heute
ist Maggies Premierenabend. Noch fehlt das
Publikum, und ihre Gefühlslage ist mit
Lampenfieber gut beschrieben. Schon im Normalfall
hasste sie die Momente, wenn alles fertig
vorbereitet war und sie alleine auf die ersten Gäste
wartete. Heute ist es für sie der pure
Warteterror. Diese leicht übertriebene, leicht
melodramatische Geste – eine Coming-Out-Party
– ist typisch für sie. Schmunzelnd prostet sie
mit einem „Mut-Mach-Cocktail“ ihrem
Spiegelbild zu „Also Mädel – keine Panik
auf der Titanic und genieße deinen Abend. Die
Angst und die Schwammerl in den Knie gehören nun
mal mit zum Vergnügen !!! – Auf deinen D-Day
!!“
Das
Klingeln an der Tür erlöst sie aus quälenden
Warterei. Die Gäste erobern sich nach und nach
die Wohnung. Ihre Freunde rechnen mit einer der üblichen
spontanen und üppig bekochten Prosecco-Gelage.
Maggies Herzensschöner ist wie vereinbart leicht
verspätet gekommen. Neue Gesichter sind auf ihren
Parties Usus und er wird, wie alle Neuen, von den
Alten freundlich aufgenommen. Er hält sich auf
Distanz zu seiner Liebsten. Wenn der Augenblick
des Coming-Outs gekommen ist, wird er das
Startsignal geben. Er ist für heute ihr Regisseur
und sie ganz und gar seine Schauspielerin.
Es
ist wie immer. Um Maggies üppiges Büffet haben
sich wie immer die unterschiedlichsten Typen
versammelt. Für einen unbeteiligten Beobachter
ist nicht erkennbar, welche Gruppe eine Minderheit
darstellen könnte. Die Gastgeberin schlendert
scheinbar ganz entspannt zwischen den Gästen
herum. Auf dem Balkon doziert ein Ägyptologe über
die Feinheiten der altägyptischen Grammatik.
Fraglich, ob der ihm lauschende Gärtner mit
seiner Legasthenie wirklich das hundertprozentig
geeignete Publikum ist. Aber der wird sich
irgendwann schon mit einer Beschreibung der
Feinheiten der Fliegenfischerei revanchieren. In
der Küche hat sich um das Dessertbüffet die übliche
Clique aus Naschkatzen versammelt – die Rezepte
hat die Hausherrin, aus Erfahrung klug geworden
gleich dazugelegt. Also muss sie sich nicht darum
sorgen, worüber sich ihre Lieblingspiercerin und
ihre Bürokollegin unterhalten könnten. Im
Wohnzimmer steckt eine bunte Mischung aus
Gayfreunden, Internetjunkies und Ökofreaks. Es
ist immer wieder erstaunlich, wie verbindend eine
Schlacht am kalten Büffet ist. Die Schuhe, die da
unter dem Tisch herausragen, gehören Ronaldo, der
mal wieder zu viel gemampft hat und jetzt eines
seiner üblichen Verdauungsschläfchen hält.
Einen massenkompatiblen Musikgeschmack gibt es
nicht, aber freundlicherweise wühlen
sich der gymnasiale Musikerzieher, der
Punkmusiker und der übrig gebliebene Alt-68er im Schlafzimmer vergnügt durch die CD-Sammlung und regeln die
Beschallung der Party unter sich. Mit Apocalyptica
haben sie gerade eine geradezu prophetische
Musikwahl getroffen.
Maggie
hat den Zweck des Abends schon beinahe vergessen
und ihre Nervosität ist nahezu völlig der
Entspannung gewichen, als sie Herzensschöners
Hand in ihrem Genick spürt, ein kurzer leichter
Druck und ein leise gesprochenes zwingendes „Los
jetzt“. Panik steigt ihr in die Kehle und
sie will am liebsten alles abbrechen.
In Gedanken flüstert sie sich zu: „Halt,
Mädel, dieses Coming-Out war dein Wunsch. Dein
Herzensschöner fordert von dir nur die Erfüllung
deiner eigenen Wünsche und Pläne.“ Einem
wortlosen, mit den Augen übermittelten Befehl
ihres Herzensschöners folgend stellt sie sich für
alle Gäste gut sichtbar in den Flur. Mit
zitternden Händen greift Maggie nach der Glocke,
die sie zu Beginn des Abends versteckt hat, und
beginnt zu bimmeln was das Zeug hält. Die Gespräche
verstummen, erstaunte Gesichter drehen sich ihr
zu, selbst Ronaldo krabbelt, von den Geräuschen
geweckt, unter dem Buffet hervor.
Zunächst
mit kicksender unsicherer Stimme, aber dann immer
sicherer und lauter, fängt Maggie ihre in
Gedanken oft gehaltene Rede an. „Hey meine
Lieben, ihr wisst dass ich noch nie auf einem
meiner Feste eine Rede gehalten habe, aber ungewöhnliche
Ereignisse erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. In
den letzten Wochen und Monaten habe ich mich sehr
zurückgezogen
und habe
mich fast ausschließlich im Internet
vergraben. Aber ich schulde es mir und euch, dass
ich wieder ein komplettes Leben führe. Ich will
weder euch Wesentliches aus meinem Leben
verheimlichen, noch will ich das Neue in meinem
Leben dadurch beschmutzen, dass ich es vor meinen
Freunden verstecke. Keiner soll auf die Idee
kommen, dass ich mich für das, was mir in den
letzten Monaten widerfahren ist, schäme.
Also
um es kurz zu machen: DER MANN, MIT DEM ICH DEN
REST MEINES LEBENS VERBRINGEN WERDE, HAT MICH
GEFUNDEN !! Geli grins nicht!! Ich weiß,
ähnliche Sätze habe ich schon oft gesagt
– da hast du recht. Aber es gab noch nie einen
Mann in meinem Leben, der meine Wirklichkeit so
dominiert wie er. Bevor ich ihn euch vorstelle, möchte
ich euch erzählen, wie er mein Leben verändert
hat und warum ich so sicher bin, dass er mich nie
wieder aus seinen Händen entlassen wird.
Ich
habe Hummeln im Arsch und will ständig neue Ideen
und die möglichst sofort umsetzen. Der Herr
zwingt mich jedoch zur Ruhe und Langsamkeit. Wenn
er es wünscht, muss ich mich ruhig in mich
versenken. Er lässt es nicht zu, dass ich auf
jeder Hochzeit tanze. Er wählt für mich aus, was
ich tun kann, wann ich es tue und wie ich es tue.
Er entscheidet über meinen Alltag. Ach Heinrich,
ich sehe das ungläubig-erschreckte Staunen in
deinem Blick. Ja ich Powerfrau, die immer mit dem
Kopf durch die Wand will, muss es zulassen, dass
nun ein Anderer mein Leben beherrscht.
Seine
Dominanz ist häufig sehr schmerzend für mich. Er
schädigt meine körperliche Unversehrtheit, und
ich verdanke ihm manchen blauen Fleck und manchen
Striemen. Es fällt mir nicht immer leicht, meinen
eigenen Willen dem seinen zu unterwerfen. Wenn ich
nicht folgsam bin, büße ich das meistens sofort
und heftig, manchmal aber auch erst Tage später.
Er verfügt über ein reiches Arsenal an Strafmaßnahmen.
Jede einzelne Strafe verfluche ich und häufig
verwandle ich mich in ein haderndes, weinendes,
zitterendes Weib. Ich sehe euer Erschrecken. Ihr
denkt sicher, dass ich nicht mehr ganz knusper
bin, mein Leben mit so einem Kerl zu teilen.
Dabei habe ich noch nicht einmal gesagt,
dass der Gute äußerst willkürlich sein kann.
Ich kann seine Launen nie voraus sagen. Er kann
tagelang völlig friedlich sein, um dann völlig
unvermutet wieder seine Hiebe und Schläge auf
mich einprasseln zu lassen oder mich sonst zu
piesaken. Er liebt es zum Beispiel sehr, mich in
den unmöglichsten Momenten, gerne auch in der Öffentlichkeit,
mit Bewegungseinschränkungen zu traktieren oder
mich unter seine Knute zu zwingen. Wie gesagt, der
Herr hat mir keine Wahl gelassen und mich seinem
harten Willen unterworfen.
Aber
der Herr – ich nenne ihn übrigens Sir James und
rede ihn grundsätzlich mit Sie an – schenkt mir
keineswegs nur den euch so erschreckenden Schmerz.
Mit dem Schmerz schenkt er mir Lebendigkeit und
das Gefühl von Leben. Er passt auch mich auf,
dass ich mich nicht überfordere. Er macht mir täglich
meine Grenzen bewußt und stärkt mich in meinem
Willen, diese Grenzen zu überwinden. Er gibt mir
Kraft und schenkt mir Stolz. Ihm verdanke ich es,
dass ich mich selbst mit jeder einzelnen Faser
meines Körpers wahrnehme und liebe. Er sorgt dafür,
dass ich meiner selbst sehr bewußt bin und dass
ich nichts mit mir geschehen lasse, was ich nicht
will. Dank ihm habe ich gelernt, dass Schwäche Stärke
sein kann. Ihm verdanke ich, dass ich ganz und gar
im hier und jetzt lebe. Er zeigt mir jeden Tag die
kleinen Freuden des Alltages. Ich sorge mich nicht
mehr um die Zukunft. Und ich glaube, keiner von
euch kann sich vorstellen, wie wunderbar und beglückend
es ist, wenn der Schmerz zunächst einen Körper
erobert und dann in sanften Wellen davon fließt
und nur noch eine große innere Ruhe und
Gelassenheit zurückläßt. Sir James schenkt mir
dieses süchtig machende Gefühl nahe zu täglich.......“
Maggie
hat sich in Fahrt geredet und nimmt die ungläubigen
Blicke ihrer Uraltfreunde schon gar nicht mehr
richtig wahr. Einzig wichtig für sie ist der
warme stolze Blick in den Augen ihres Herzensschöners.
Der Blick ist ein einziges lockendes Versprechen für
die Stunden nach der Party. Erschreckt zuckt die
Rednerin zusammen, als Rominata, eine der neuen
Chatterfreundinnen, aufspringt, ihr Prosecco-Glas
hochreißt und in die Runde ruft: „Mensch,
Liebes, mach es doch nicht so spannend. Sag
einfach, dass du eine Masochistin bist und der
knuddelbärige Typ da in der Ecke dein sadistischer
Kerl. Komm, lass uns auf dein Coming-Out als
SMerin anstoßen!!“
Maggie
steht da wie ein begossener Pudel. Das war nicht
gelaufen wie geplant. Hilflos schnappt sie nach
Worten, die ihr nicht über die Lippen kommen. Am
liebsten würde Maggie sich in ein Mauseloch
verkriechen. Plötzlich erklingt neben ihr die
ruhige und gelassene Stimme ihres bezaubernden
Herrn – weiß der Teufel, wie er es geschafft
hat sich von ihr unbemerkt neben sie zu stellen „Nein,
ich bin nicht Sir James. Meine Liebste hat euch
von ihrer ungeliebten Krankheit erzählt, mit der
sie voller Achtung und Demut lebt. Einer
Krankheit, benannt nach James Parkinson!“
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