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Stickmustertücher haben in Europa eine circa 350-jährige
Tradition. Sie wurden ab der Mitte des 16. Jahrhunderts bis
Anfang des 20. Jahrhunderts vor allen Dingen im englischen,
holländischen und deutschen Sprachraum gefertigt.
Stickmustertücher wurden von Mädchen im Alter von 5 bis 15
Jahren gestickt. Sie dienten als Lern- und Übungstücher für
die Stickstiche und für die Muster und Motive. Möglicherweise
wurden auch zunächst Probestücke gestickt, bevor eine
endgültige Stickmustertuchvariante gestickt wurden. Diese
Stickmustertücher dienten als Mustersammlung. Zunächst waren
es Vorlagen zur Kennzeichnung der eigenen Aussteuer. Außerdem
dienten sie als Mustervorlagen für die nächsten Generationen.
Bis in das 20. Jahrhundert hinein wurden die Sticktücher
häufig von Generation zu Generation weitergegeben.
Die Motive kommen aus verschiedenen Quellen. Da sind zum
einen die Modellbücher zu nennen. Die erste Vorlagensammlung
wurde 1523 Johann Schönsperger in Augsburg gedruckt - das
"Furm oder Modelbüchlein". Bis zum Jahre 1800 wurden
an die 200 gedruckte Mustersammlungen mit überregionaler
Bedeutung in Westeuropa gezählt. Das Wichtigste darunter war
das "Schön neues Modelbuch" von Johann Sibmacher aus
dem Jahr 1597.Im süddeutschen Raum findet man bis ins 19.
Jahrhundert kaum ein Mustertuch, das nicht zumindest eine der
Sibmacherschen Vorlagen benutzte. Diese gedruckten Vorlagen
waren aber nur in geringer Auflage vorhanden und dürften für
die meisten Stickerinnen unerschwinglich gewesen sein. Ohne die
Mustertücher hätten die Motive niemals jene Verbreitung
gefunden, wie man anhand der überlieferten Stickereien
feststellen kann.
Neben den speziell zum Nachsticken gedruckten Vorlagen
dienten aber auch Buchillustrationen aus der Bibel, aus Tier und
Meerwesenbeschreibungen, aus mittelalterlichen Bestiarien und
Schulbücher als Anregung, ebenso das Dekor für einfaches
Gebrauchsgut wie die Delfter Kacheln mit ihren schönen
Blumenmotiven.
Die Motive, die auf die die Stickmustertücher gestickt
wurden, lassen sich überall in Europa auf gleiche Vorlagen
zurückverfolgen. Die regionalen Unterschiede liegen in der
Gestaltung der Mustertücher: in der Größe und im Format, in
der Auswahl, der Zusammenstellung und vor allem in der Anordnung
der Motive. Einer der Hauptgründe dafür, dass sich an
verschiedenen Orten bestimmte unterschiedliche Formen
herausgebildet haben, liegt an den unterschiedlichen
Schulsystemen. Die Geschichte des Handarbeitsunterrichts ist
immer auch eine Geschichte des Stickmustertuches.
Die alten Stickmustertücher wurden auf sehr feinem Leinen
gestickt, oft so fein, dass beim Sticken über zwei Fäden
zwölf Kreuzchen auf den Zentimeter passten. In der Regel wurden
die Mustertücher von den Stickerinnen mit ihrem Monogramm und
dem Jahr der Entstehung "signiert". Das Älteste
erhaltene europäische Stickmustertuch stammt aus der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts.
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Süddeutschland
Auf den ersten Mustertüchern wurden die Motive ohne
Raumaufteilung, wie es gerade ergab, auf den Stoff verteilt. Im
17. Jahrhundert ging man dazu über, diese in waagrechten Reihen
anzuordnen. Dieses Prinzip wurde auf den schmalen länglichen
Mustertüchern in Süddeutschland beibehalten.
Meist sind oben in mehreren Reihen und Blöcken Alphabete
angeordnet. Darunter bilden winzig kleine Kanten den oberen und
unteren Rand für die in waagrechten Streifen nebeneinander
angeordneten Einzelmotive - manchmal wie´s gerade kommt und
manchmal innerhalb der Reihe symmetrisch angeordnet. Die Motive
sind immer gleich. Sie sind den Modelbüchern des 16. und des
frühen 17. Jahrhunderts, allen voran den Sibmacherschen
Vorlagen genau nachgestickt.
Die Motive sind schnell aufgezählt: Im religiösen Bereich
findet man das Kreuz mit den Leidenswerkzeugen, Adam und Eva,
das Osterlamm mit der Siegfahne (von Sibmacher) und den aus dem
gleichen Modelbuch entnommenen heiligen Georg im Kampf mit dem
Drachen.
Im weltlichen Bereich sind es Pfauen und Hirsche (beide Tiere
gelten freilich oft auch als christliche Symbole - der Hirsch
symbolisiert Christus, der Pfau die Auferstehung) und das
höfische Paar. Und aus der Arbeitswelt der Knecht und die Magd.
Hinzu kommen einige immer wiederkehrende Blumenornamente.
Hier sind drei süddeutsche Mustertücher aus
dem 18. Jahrhundert, die ich nachgestickt habe. Zum Vergrößern
bitte einfach mit der Mouse auf ein Bild fahren:
Dieses Mustertuch
von 1708 aus Nürnberg habe ich drei Jahre nach meiner Parkinsondiagnose,
auf einem 16-fädigen Antikleinen nachgestickt d.h. auf einen Zentimeter kommen 16
Gewebefäden bzw. 8 Kreuzstiche.
Dieses
wunderschöne klassische süddeutsche Mustertuch von 1763 wurde
von mir 1996 nachgestickt. Als Vorlage diente mir lediglich eine
Abbildung in einem Buch und eine große Lupe war neben der Nadel
ein sehr notwendiges Arbeitsutensil für mich.
Zu den süddeutschen Mustertüchern zählt auch dieses
Mustertuch, dessen Original 1764 in Sachsen gestickt wurde.
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Norddeutschland
Der Aufbau der norddeutschen Mustertücher ist
immer gleich. Sie sind meistens quadratisch oder bilden
gelegentlich breite Rechtecke. Sie haben als oberen Abschluss
meist mehrzeilige Alphabet- und Zahlenreihen. Die Tücher werden
mit einer umlaufenden Borte eingefasst. Unten wurde meist ein bis
in die Mitte reichender Apfelbaum in einem Paradiesgärtlein oder
ein "Kirchberg" gestickt.
Schon sehr früh gab es in vielen Gebieten des
protestantischen Norddeutschlands die in den Kirchenordnungen nach
der Reformation geforderten "Jongfern-Scholen". Hier war
der von der Frau des Pastors abgehaltene Handarbeitsunterricht ein
Hauptfach. Die enge Beziehung des Stickunterrichts zur Kirche
erklärt die vielen religiösen Motive auf den Mustertüchern. Es
waren vorwiegend Geschichten aus dem alten Testament - z.B. Adam
und Eva, Joshuah und Kaleb. Hinzu kam eine Vielzahl von weltlichen
Motiven - Schiffe, Wasserträger, Häuser und Möbelstücke.
Hier ist ein Beispiel von 1826 für die
klassischen norddeutschen Mustertücher aus dem frühen 19.
Jahrhundert.
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Biedermeier
Zwei Entwicklungen beendeten in der Mitte des 19.
Jahrhunderts die Geschichte der Kreuzstichmustertücher. Eine
davon war die seit 1840 einsetzende flächendeckende Verbreitung
von kolorierten Stickvorlagen. Die im Zeitgeist des Biedermeiers
gestalteten Stickvorlagen waren zum Teil sehr schön, aber sie
waren vorwiegend nur dekorativ und ohne größeren Symbolgehalt.
Außerdem machten sie das Sticken von Mustertüchern als
"Merkzettel" für Stickmuster überflüssig und
vernichteten zeitgleich die regionalen Besonderheiten. Aus Berlin,
der Metropole der Stickvorlagen, wurden 1840 schon 100.000
Exemplare dieser Stickvorlagen verschickt.
Obwohl ebenfalls im frühen 19. Jahrhundert in
Norddeutschland entstanden, sind die folgenden drei
Mustertücher bereits stark vom Biedermeier beeinflusst:
Mustertuch von 1820
Mustertuch von 1826
Mustertuch von 1827
Die folgenden drei von mir nachgestickten
Mustertücher aus dem Biedermeier lassen sich regional nicht
mehr zuordnen:
Mustertuch
von 1854
Mustertuch
von 1858
Mustertuch von 1859
Klassenunterricht
Die zweite Entwicklung, die die
Stickmustertradition beendete, war die ungefähr 1850 einsetzende
Vereinheitlichung des Handarbeitsunterrichts. Mit der Einführung
des Klassenunterrichts im Fach Handarbeiten wird das in der Schule
gefertigte Kreuzstichmustertuch vereinheitlicht. Auf bereits
gesäumten Stramintüchern werden mit türkischrotem Wollgarn, von
wenigen, winzig kleinen Ornamenten und dem häufig vollständig
ausgeschriebenen Namen abgesehen, nur mehr Alphabete gestickt.
Während in preußischen Schulen Plattstich und Buntstickerei als
unnötiger Luxus angesehen und verboten werden, ist man in
Süddeutschland nicht gar so streng.
Es ist verständlich, dass das Schwergewicht bei
der schulischen Stickerei nun immer mehr auf der Arbeitstechnik
und nicht mehr auf dem Überliefern von traditionellen Mustern und
Motiven liegt, denn gedruckte Mustervorlagen waren inzwischen ein
Massenartikel und für alle käuflich zu erwerben.
Hier ist ein von mir nachgestickte Beispiel
aus dem Klassenunterricht - ein Mustertuch
von 1910
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Neubelebung
Im ausgehenden 20. Jahrhundert wuchs wieder das
Interesse an den alten Stickmustertüchern. In den verschiedenen
Handarbeitszeitschriften werden laufend neue Vorlagen für
Stickmustertücher veröffentlicht. Sie sind allerdings rein
dekorativ und stehen damit eher in der Tradition des Biedermeiers,
also dem Ende der Mustertücher, als in ihrer ursprünglichen
Tradition.
Zum Schluss noch zwei moderne Beispiele für
Stickmustertücher vom Ende des 20. Jahrhunderts - gestickt 1995
und gestickt 1996
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