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ARTIKEL

  HISTORISCHE  MUSTERTÜCHER

AUSKÜNFTE

PARKILUST
Rot signalisiert Kraft, Energie, Liebe, Wärme, Leidenschaft, Aggression, Gefahr

PARKIKULTUR
Die Wette
Eine belegte Frau
Mustertücher
D-Day

PARKISPOTT
Gelb bedeutet Optimismus, Hoffnung, Philosophie, Unehrlichkeit, Feigheit, Neid, Betrug

PARKIPRAXIS
Grün vertritt Natur, Erde, Gesundheit, Glück, Eifersucht, Erneuerung, Geld

PARKISINN
Violett symbolisiert Spiritualität, Geheimnis, Königlich, Macht, Transformation, Grausamkeit, Arroganz, Homosexualität

Kurzfassung für Nichtleser:
Parkinsonpatienten haben Hobbies, die manchen erstaunen. Ich kenne Marathonläufer, Uhrenrestaurier, Korsagennäherinnen, Oldtimerbastler und meines wird hier vorgestellt..

 

Text für Lesefreudige:

Stickmustertücher haben in Europa eine circa 350-jährige Tradition. Sie wurden ab der Mitte des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts vor allen Dingen im englischen, holländischen und deutschen Sprachraum gefertigt. 

Stickmustertücher wurden von Mädchen im Alter von 5 bis 15 Jahren gestickt. Sie dienten als Lern- und Übungstücher für die Stickstiche und für die Muster und Motive. Möglicherweise wurden auch zunächst Probestücke gestickt, bevor eine endgültige Stickmustertuchvariante gestickt wurden. Diese Stickmustertücher dienten als Mustersammlung. Zunächst waren es Vorlagen zur Kennzeichnung der eigenen Aussteuer. Außerdem dienten sie als Mustervorlagen für die nächsten Generationen. Bis in das 20. Jahrhundert hinein wurden die Sticktücher häufig von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Motive kommen aus verschiedenen Quellen. Da sind zum einen die Modellbücher zu nennen. Die erste Vorlagensammlung wurde 1523  Johann Schönsperger in Augsburg gedruckt - das "Furm oder Modelbüchlein". Bis zum Jahre 1800 wurden an die 200 gedruckte Mustersammlungen mit überregionaler Bedeutung in Westeuropa gezählt. Das Wichtigste darunter war das "Schön neues Modelbuch" von Johann Sibmacher aus dem Jahr 1597.Im süddeutschen Raum findet man bis ins 19. Jahrhundert kaum ein Mustertuch, das nicht zumindest eine der Sibmacherschen Vorlagen benutzte. Diese gedruckten Vorlagen waren aber nur in geringer Auflage vorhanden und dürften für die meisten Stickerinnen unerschwinglich gewesen sein. Ohne die Mustertücher hätten die Motive niemals jene Verbreitung gefunden, wie man anhand der überlieferten Stickereien feststellen kann.

Neben den speziell zum Nachsticken gedruckten Vorlagen dienten aber auch Buchillustrationen aus der Bibel, aus Tier und Meerwesenbeschreibungen, aus mittelalterlichen Bestiarien und Schulbücher als Anregung, ebenso das Dekor für einfaches Gebrauchsgut wie die Delfter Kacheln mit ihren schönen Blumenmotiven.

Die Motive, die auf die die Stickmustertücher gestickt wurden, lassen sich überall in Europa auf gleiche Vorlagen zurückverfolgen. Die regionalen Unterschiede liegen in der Gestaltung der Mustertücher: in der Größe und im Format, in der Auswahl, der Zusammenstellung und vor allem in der Anordnung der Motive. Einer der Hauptgründe dafür, dass sich an verschiedenen Orten bestimmte unterschiedliche Formen herausgebildet haben, liegt an den unterschiedlichen Schulsystemen. Die Geschichte des Handarbeitsunterrichts ist immer auch eine Geschichte des Stickmustertuches.

Die alten Stickmustertücher wurden auf sehr feinem Leinen gestickt, oft so fein, dass beim Sticken über zwei Fäden zwölf Kreuzchen auf den Zentimeter passten. In der Regel wurden die Mustertücher von den Stickerinnen mit ihrem Monogramm und dem Jahr der Entstehung "signiert". Das Älteste erhaltene europäische Stickmustertuch stammt aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 

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Süddeutschland

Auf den ersten Mustertüchern wurden die Motive ohne Raumaufteilung, wie es gerade ergab, auf den Stoff verteilt. Im 17. Jahrhundert ging man dazu über, diese in waagrechten Reihen anzuordnen. Dieses Prinzip wurde auf den schmalen länglichen Mustertüchern in Süddeutschland beibehalten.

Meist sind oben in mehreren Reihen und Blöcken Alphabete angeordnet. Darunter bilden winzig kleine Kanten den oberen und unteren Rand für die in waagrechten Streifen nebeneinander angeordneten Einzelmotive - manchmal wie´s gerade kommt und manchmal innerhalb der Reihe symmetrisch angeordnet. Die Motive sind immer gleich. Sie sind den Modelbüchern des 16. und des frühen 17. Jahrhunderts, allen voran den Sibmacherschen Vorlagen  genau nachgestickt. 

Die Motive sind schnell aufgezählt: Im religiösen Bereich findet man das Kreuz mit den Leidenswerkzeugen, Adam und Eva, das Osterlamm mit der Siegfahne (von Sibmacher) und den aus dem gleichen Modelbuch entnommenen heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen.

Im weltlichen Bereich sind es Pfauen und Hirsche (beide Tiere gelten freilich oft auch als christliche Symbole - der Hirsch symbolisiert Christus, der Pfau die Auferstehung) und das höfische Paar. Und aus der Arbeitswelt der Knecht und die Magd. Hinzu kommen einige immer wiederkehrende Blumenornamente.

Hier sind drei süddeutsche Mustertücher aus dem 18. Jahrhundert, die ich nachgestickt habe. Zum Vergrößern bitte einfach mit der Mouse auf ein  Bild fahren:

    Dieses Mustertuch von 1708 aus Nürnberg habe ich drei  Jahre nach meiner Parkinsondiagnose, auf einem 16-fädigen Antikleinen nachgestickt d.h. auf einen Zentimeter kommen 16 Gewebefäden bzw. 8 Kreuzstiche.  

   Dieses wunderschöne klassische süddeutsche Mustertuch von 1763 wurde von mir 1996 nachgestickt. Als Vorlage diente mir lediglich eine Abbildung in einem Buch und eine große Lupe war neben der Nadel ein sehr notwendiges Arbeitsutensil für mich.        

Zu den süddeutschen Mustertüchern zählt auch dieses Mustertuch, dessen Original 1764 in Sachsen gestickt wurde.

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Norddeutschland

Der Aufbau der norddeutschen Mustertücher ist immer gleich. Sie sind meistens quadratisch oder bilden gelegentlich breite Rechtecke. Sie haben als oberen Abschluss meist mehrzeilige Alphabet- und Zahlenreihen. Die Tücher werden mit einer umlaufenden Borte eingefasst. Unten wurde meist ein bis in die Mitte reichender Apfelbaum in einem Paradiesgärtlein oder ein "Kirchberg" gestickt.

Schon sehr früh gab es in vielen Gebieten des protestantischen Norddeutschlands die in den Kirchenordnungen nach der Reformation geforderten "Jongfern-Scholen". Hier war der von der Frau des Pastors abgehaltene Handarbeitsunterricht ein Hauptfach. Die enge Beziehung des Stickunterrichts zur Kirche erklärt die vielen religiösen Motive auf den Mustertüchern. Es waren vorwiegend Geschichten aus dem alten Testament - z.B. Adam und Eva, Joshuah und Kaleb. Hinzu kam eine Vielzahl von weltlichen Motiven - Schiffe, Wasserträger, Häuser und Möbelstücke.

Hier ist ein Beispiel  von 1826 für die  klassischen norddeutschen Mustertücher aus dem frühen 19. Jahrhundert.

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Biedermeier

Zwei Entwicklungen beendeten in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Geschichte der Kreuzstichmustertücher. Eine davon war die seit 1840 einsetzende flächendeckende Verbreitung von kolorierten Stickvorlagen. Die im Zeitgeist des Biedermeiers gestalteten Stickvorlagen waren zum Teil sehr schön, aber sie waren vorwiegend nur dekorativ und ohne größeren Symbolgehalt. Außerdem machten sie das Sticken von Mustertüchern als "Merkzettel" für Stickmuster überflüssig und vernichteten zeitgleich die regionalen Besonderheiten. Aus Berlin, der Metropole der Stickvorlagen, wurden 1840 schon 100.000 Exemplare dieser Stickvorlagen verschickt.

Obwohl ebenfalls im frühen 19. Jahrhundert in Norddeutschland entstanden, sind die folgenden drei Mustertücher bereits stark vom Biedermeier beeinflusst:

Mustertuch von 1820         

Mustertuch von 1826         

Mustertuch von 1827

Die folgenden drei von mir nachgestickten Mustertücher aus dem Biedermeier lassen sich regional nicht mehr zuordnen:

  Mustertuch von 1854       

 Mustertuch von 1858         

Mustertuch von 1859

 

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Klassenunterricht

Die zweite Entwicklung, die die Stickmustertradition beendete, war die ungefähr 1850 einsetzende Vereinheitlichung des Handarbeitsunterrichts. Mit der Einführung des Klassenunterrichts im Fach Handarbeiten wird das in der Schule gefertigte Kreuzstichmustertuch vereinheitlicht. Auf bereits gesäumten Stramintüchern werden mit türkischrotem Wollgarn, von wenigen, winzig kleinen Ornamenten und dem häufig vollständig ausgeschriebenen Namen abgesehen, nur mehr Alphabete gestickt. Während in preußischen Schulen Plattstich und Buntstickerei als unnötiger Luxus angesehen und verboten werden, ist man in Süddeutschland nicht gar so streng. 

Es ist verständlich, dass das Schwergewicht bei der schulischen Stickerei nun immer mehr auf der Arbeitstechnik und nicht mehr auf dem Überliefern von traditionellen Mustern und Motiven liegt, denn gedruckte Mustervorlagen waren inzwischen ein Massenartikel und für alle käuflich zu erwerben.

 

Hier ist ein von mir nachgestickte Beispiel aus dem Klassenunterricht - ein Mustertuch von 1910

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Neubelebung

Im ausgehenden 20. Jahrhundert wuchs wieder das Interesse an den alten Stickmustertüchern. In den verschiedenen Handarbeitszeitschriften werden laufend neue Vorlagen für Stickmustertücher veröffentlicht. Sie sind allerdings rein dekorativ und stehen damit eher in der Tradition des Biedermeiers, also dem Ende der Mustertücher, als in ihrer ursprünglichen Tradition.

 

   Zum Schluss noch zwei moderne Beispiele für Stickmustertücher vom Ende des 20. Jahrhunderts - gestickt 1995        

und gestickt 1996

 

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Copyright by Birgitta Baur Stand vom 10.04.2008