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Sehr
geehrter Herr Weihnachtsmann,
ich
finde zwar nicht, dass Sie diese Anrede verdient
haben, aber ich will ja mal nicht so sein. Offenbar
fühlen Sie sich nur für den artigen Nachwuchs und
deren brave Vorfahren
zuständig, aber wie wollen Sie so dafür
sorgen, dass die Menschen friedliche und harmonische
Feiertage erleben? Es ist bei Gott wirklich keine
Kunst, liebe-nette-brave Kinderlein mit schönen
Geschenken zu bestechen, so dass sie ein paar Tage
brav sind. Schwierig wird es da eher mit den
Einsamen, den Verbitterten oder gar den Bösen.
Warum sollten die friedfertig werden? Etwa nur
deshalb, weil Sie werter Herr Weihnachtsmann es sich
bequem machen und nur die Lieben mir Ihren Gaben
bedenken. Ich finde Sie sind da ganz entschieden auf
dem falschen Dampfer.
Nehmen
Sie doch einfach mich – ich bin ein ganz normaler
chattender Internetjunkie. Ich wünsche mir nichts
weltbewegendes – keine Diamanten, keine
Luxusreise, nichts was Ihren Etat sprengen würde.
Ich wünsche mir lediglich einen Chat, der für
viele ein zu Hause sein kann. Der muss wirklich
nichts besonderes sein. Solange er stabil läuft und
auch für Menschen mit ein oder mehreren Handicaps
leicht zu benutzen ist, ist es mir reichlich egal,
ob der Chat topmodern oder schon leicht angestaubt
ist. Aber er sollte doch so einladend sein, dass
sich auch neue Gesichter trauen sich einzuloggen.
Schließlich bin ich ein Nachtgeist, aber immer nur
mit den selben auf meiner Lieblingscouch abhängen?
Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich mich da
nicht langweile und für andere langweilend werde?
Ich wünsche mir intensive Chatgespräche ebenso wie
harmloses Geplänkel, heftige Streitgespräche und
wortlose Versöhnungen – kurz des Lebens ganze
Wucht sollte erahnbar sein.
Naja
– und jetzt wird mein Anforderungsprofil
vielleicht doch etwas zu anspruchsvoll für Sie
- die Chatter sollten zwischen den Zeilen
lesen können. Es wäre schön wenn Streithähne
grundsätzlich ihre Hackereien unter vier Augen
austragen würden oder zumindest in dafür
vorgesehen Nischen und nicht auf dem Hauptplatz, aus
Respekt vor dem unbeteiligten Publikum. Und die Krönung
des ganzen wäre, wenn jeder davon überzeugt wäre,
dass wir alle Humor haben, auch wenn der nicht immer
kompatibel ist. Wo Chatter sind wird getippselt und
wo getippselt wird werden Meinungen verstanden –
oder auch nicht. Könnten Sie bitte dafür sorgen,
dass chattende Missverständnisse künftig
genauso unbekannt sind, wie
der perfekte Mensch?
Ich
finde alles in allem ist mein Wunsch weder übertrieben
noch unerfüllbar. Und was machen Sie – rein gar
nix. Ich finde Sie vernachlässigen ihre Arbeit als
Weihnachtsmann in einem nicht zu tolerierenden Ausmaß.
Hiermit kündige ich Ihnen fristlos meinen Glauben
an den Weihnachtsmann auf und vertraue lieber auf
Menschen, die sagen „ich bin Chatter, ich tippe
was ich meine, aber ich meine nicht immer was ich
tippe und daher frage ich dich lieber was du mit
deinem Getippten meinst, bevor ich meine das Recht
zu haben auf dich wütend zu sein.“
Hochachtungsvoll
Ihre
weihnachtsmannüberdrüßige
T.
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